Ginkgo biloba
Belegstatus: differenziert — der Standardextrakt EGb 761 hat bei Demenz/MCI eine Level-B-Evidenz (WFSBP-Leitlinie, 240 mg/Tag); als allgemeiner „Gedächtnis-Booster" bei Gesunden ist der Nutzen nicht belegt · Sicherheits-Hinweise: Blutungsrisiko wird diskutiert (RCTs/Metaanalysen bestätigen es nicht), rohe Samen sind giftig
Typ: Pflanze
Steckbrief (Organismus)
| Feld | Angabe |
|---|---|
| Trivialnamen / Synonyme | Ginkgo, Fächerblattbaum, Japanischer Tempelbaum, Maidenhair Tree |
| Wissenschaftlicher Name | Ginkgo biloba L. |
| Systematik | Einzige lebende Art der Ginkgophyta („lebendes Fossil") |
| Natürliche Verbreitung | Ursprünglich China; weltweit als Zier-/Straßenbaum kultiviert [941][945] |
| Verwendete Teile | Blätter (Extrakt); rohe Samen sind giftig — kein Verzehr |
| Handelsformen | Standardisierter Blattextrakt (EGb 761: 22–27 % Flavonglykoside, 5–7 % Terpenlactone), Tabletten/Kapseln |
Botanik / Mykologie & Herkunft
Ginkgo biloba ist die einzige überlebende Art einer uralten Pflanzengruppe („lebendes Fossil") und stammt ursprünglich aus China; verschiedene Teile des Baums werden seit Jahrhunderten in der chinesischen Medizin genutzt [941][944]. Medizinisch relevant ist der standardisierte Blattextrakt, allen voran EGb 761 — ein Trockenextrakt, eingestellt auf 22–27 % Ginkgo-Flavonglykoside und 5–7 % Terpenlactone (2,8–3,4 % Ginkgolide A/B/C, 2,6–3,2 % Bilobalid) mit < 5 ppm Ginkgolsäuren [944]. Wichtig: Rohe Ginkgo-Samen enthalten toxische cyanogene Glykoside/Ginkgotoxin und können Krämpfe/Vergiftungen auslösen — verwendet wird ausschließlich der Blattextrakt [941].
Enthaltene Wirkstoffe
Zwei Wirkstoffgruppen prägen den Extrakt: Flavonglykoside und Terpenlactone (Ginkgolide + Bilobalid) [941][945].
| Wirkstoff(gruppe) | Klasse | Kurz: Rolle | Seite |
|---|---|---|---|
| Ginkgo-Flavonglykoside (Quercetin/Kaempferol/Isorhamnetin-Glykoside) | Flavonoide | antioxidativ; ~24 % des Extrakts | Ginkgolide & Flavonglykoside |
| Terpenlactone: Ginkgolide A/B/C | Diterpenlactone | PAF-Antagonismus (thrombozytenaktivierender Faktor); ~6 % | Ginkgolide & Flavonglykoside |
| Bilobalid | Sesquiterpenlacton | neuroprotektiv (präklinisch) | Ginkgolide & Flavonglykoside |
Funktion & Einsatz im menschlichen Körper
Ginkgo-Extrakt wird zur Unterstützung der kognitiven Funktion und der Durchblutung eingesetzt [941][942]. Er ist kein Nährstoff. Als Wirkmechanismen gelten (überwiegend aus Tierstudien): Steigerung der zerebralen Durchblutung, antioxidative und entzündungshemmende Effekte sowie thrombozytenhemmende (antiaggregatorische) Wirkung, die den Flavon- und Terpenlactonen zugeschrieben wird [942][945]. Ausführlich zu den Wirkstoffen: Ginkgolide & Flavonglykoside.
Wirkungen auf den Körper
Traditionelle / historische Verwendung
In der TCM werden Ginkgo-Zubereitungen seit Jahrhunderten verwendet; in Europa ist der Blattextrakt eines der meistverkauften Phytopharmaka (v. a. bei nachlassender Hirnleistung) [944][945]. Reine Verwendungsbeschreibung.
Studienlage
- Demenz/MCI — beste Evidenz (differenziert): Ein systematisches Review (9 Studien) fand, dass EGb 761 bei 240 mg/Tag über 22–26 Wochen Rückgänge in Kognition, Alltagsfunktion, Verhalten und Gesamturteil bei Demenz verlangsamt — besonders bei Patienten mit neuropsychiatrischen Symptomen [941]. Die WFSBP-Leitlinie listet EGb 761 mit Level-B-Evidenz (Grade-3-Empfehlung) — vergleichbar mit Acetylcholinesterasehemmern/Memantin — für Kognition, Verhalten und ADL bei Alzheimer- und vaskulärer Demenz [943].
- Gesunde / allgemeine Gedächtnissteigerung — nicht belegt: Für gesunde Menschen ohne kognitive Beeinträchtigung gibt es keinen überzeugenden Beleg einer Gedächtnis-/Präventionswirkung; große Präventionsstudien (z. B. GEM) blieben negativ [942][945].
- Weitere Indikationen: Claudicatio intermittens, Tinnitus vaskulären Ursprungs, „zerebrale Insuffizienz" — Datenlage uneinheitlich [942][944].
- Einordnung: Nutzen am ehesten als symptomatische Zusatztherapie bei Demenz/MCI (Extrakt EGb 761, 240 mg/Tag) — nicht als Lifestyle-„Brain-Booster" [943][945].
Einsatz in Naturheilkunde & Alternativmedizin
⚠️ Nicht wissenschaftlich belegt — bitte zuerst lesen.
Dieser Abschnitt beschreibt eine Praxis. Für Demenz/MCI (EGb 761) gibt es Level-B-Evidenz;
als allgemeiner Gedächtnis-Booster bei Gesunden ist Ginkgo nicht belegt.
Rohe Ginkgo-Samen sind giftig. Bei Demenz/ernsthaften Erkrankungen ersetzt Ginkgo keine
ärztliche Behandlung; bei Gerinnungshemmern vor der Einnahme ärztlich abklären.
Praxisrichtung(en): TCM; westliche Phytotherapie; „Brain-Health"-/Durchblutungs-Supplementpraxis
Wird eingesetzt bei: Ginkgo wird bei nachlassender Gedächtnis-/Konzentrationsleistung, Demenz/MCI, Durchblutungsstörungen, Tinnitus und Schwindel eingesetzt [941][944].
Begründung in der Praxis: Über die durchblutungsfördernde, antioxidative und thrombozytenhemmende Wirkung der Flavon-/Terpenlactone. Für Demenz/MCI (EGb 761) durch Studien/Leitlinie gestützt.
Übliche Form & Handhabung in der Praxis: Standardisierter Blattextrakt (EGb 761 bzw. 22–27 % Flavonglykoside/5–7 % Terpenlactone), 120–240 mg/Tag; nur Blattextrakt, keine rohen Samen.
Einordnung: Die Praxis deckt sich am ehesten mit der Evidenz, wenn es um symptomatische Unterstützung bei Demenz/MCI mit dem standardisierten Extrakt geht [941][943]. Für Gesunde als „Gedächtnis-Booster" fehlt der Beleg [942]. Sicherheitsrelevant sind das diskutierte Blutungsrisiko (Fallberichte v. a. mit Warfarin/ASS; RCTs/Metaanalysen bestätigen keine erhöhte Blutungsneigung durch EGb 761 allein) und die Giftigkeit roher Samen [941][945].
Quelle der Praxisbeschreibung: [941][944]
Belegt wird hier die Existenz der Praxis; der Demenz/MCI-Nutzen (EGb 761) ist zusätzlich belegt.
Praktische Hinweise
Zubereitung & Anwendungsformen
Standardisierter Blattextrakt (EGb 761 oder gleichwertig; 22–27 % Flavonglykoside, 5–7 % Terpenlactone), meist 40 mg 3×/Tag oder 80–120 mg 2×/Tag. Nur Blattextrakt verwenden — rohe Samen sind giftig [941][944].
Handhabung & Lagerung
Trocken und lichtgeschützt lagern.
Wer sollte vorsichtig sein
- Menschen unter Antikoagulanzien/Thrombozytenhemmern (Warfarin, ASS) oder vor Operationen: mögliches additives Blutungsrisiko — vor Einnahme ärztlich abklären, ggf. perioperativ pausieren [941][942].
- Menschen mit Epilepsie/Krampfneigung: Ginkgo (v. a. Samen/hohe Dosen) kann Krämpfe begünstigen [941].
- Unter bestimmten Medikamenten (MAO-Hemmer, Alprazolam, Haloperidol, Nifedipin): mögliche Wechselwirkungen [942].
- Rohe/geröstete Samen: nicht verzehren (Ginkgotoxin/cyanogene Glykoside) [941].
- Schwangerschaft/Stillzeit: unzureichende Daten — meiden.
Empfohlene Dosierung
Für Demenz/MCI: 120–240 mg/Tag standardisierter Extrakt in geteilten Dosen (Studien-Optimum EGb 761 240 mg/Tag) [941][943].
Risiken, Neben- & Wechselwirkungen
Der standardisierte Blattextrakt ist allgemein gut verträglich; Nebenwirkungen sind meist mild (Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerz, Schwindel, Palpitationen, Hautreaktionen) [942]. Blutungsrisiko: Fallberichte legten eine erhöhte Blutungsneigung (v. a. mit Warfarin/ASS) nahe; mehrere RCTs und zwei Metaanalysen bestätigten jedoch keine erhöhte Blutungsneigung durch EGb 761 allein [943][945] — bei gleichzeitiger Gerinnungshemmung ist dennoch Vorsicht geboten. Rohe Samen sind giftig (Krämpfe, allergische Hautreaktionen); es gibt kein Antidot — Behandlung ist symptomatisch [941].
Rechtlicher Status
Ginkgo-Blattextrakt ist in DE, AT und CH als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bzw. Nahrungsergänzungsmittel verkehrsfähig; EGb 761 ist in mehreren Ländern (z. B. China, Philippinen, Thailand, Vietnam) als Arzneimittel eingestuft [943]. Gesundheitsbezogene Werbung unterliegt der EU-Health-Claims-Verordnung.
Zusammenfassung
Ginkgo biloba ist ein „lebendes Fossil", dessen medizinisch genutzter Blattextrakt (EGb 761) auf Flavonglykoside (22–27 %) und Terpenlactone (5–7 %; Ginkgolide + Bilobalid) standardisiert ist [944]. Die Evidenz ist differenziert: Bei Demenz/MCI verlangsamt EGb 761 (240 mg/Tag) den Symptomverlauf mit Level-B-Evidenz (WFSBP), während für gesunde Menschen kein Gedächtnis-/Präventionsnutzen belegt ist [941][943][945]. Wirkmechanismen sind Durchblutungsförderung, Antioxidation und Thrombozytenhemmung [942]. Sicherheitsrelevant: das diskutierte Blutungsrisiko (durch RCTs/Metaanalysen nicht bestätigt, bei Gerinnungshemmern dennoch Vorsicht) und die Giftigkeit roher Samen [941][945]. Ausführliche Wirkstoffe: Ginkgolide & Flavonglykoside.
Quellen
[941] Ginkgo Biloba — StatPearls (NCBI Bookshelf) (2 Wirkstoffgruppen: Terpenlactone/Ginkgolide + Flavonglykoside; EGb 761 = 6 % Terpenoide/24 % Flavonglykoside; 240 mg/Tag verlangsamt Demenz-Rückgang; rohe Samen cyanogene Glykoside/Krämpfe; kein Antidot). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK541024/
[942] Ginkgo biloba: indications, mechanisms, and safety (EGb761 in RCTs; Indikationen Alzheimer/altersassoziierte Demenz/Claudicatio; Mechanismen zerebrale Durchblutung/antioxidativ/antiplatelet; WW MAO-Hemmer/Alprazolam/Haloperidol/Warfarin/Nifedipin). PubMed 23538078. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23538078/
[943] Treatment of dementia and MCI: Expert consensus on EGb 761 (WFSBP: Level-B-Evidenz, Grade-3-Empfehlung, wie AChE-Hemmer/Memantin; Kognition/Verhalten/ADL bei AD + vaskulärer Demenz; Blutungssorge durch RCTs/2 Metaanalysen nicht gestützt; EGb 761 22–27 % Flavonoide/5–7 % Terpenlactone). PMC6488894. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6488894/
[944] Ginkgo biloba and Dementia (Dosis 120–240 mg/Tag; Standardisierung 22–27 % Flavonglykoside/5–7 % Terpenlactone; meistverkauftes Phytopharmakon Europas; milde Nebenwirkungen; Blutungs-Fallberichte). Clinician.com / AHC Media. https://www.clinician.com/articles/8910-ginkgo-biloba-and-dementia
[945] EGb 761 Does Not Affect Blood Coagulation and Bleeding Time in Patients with Probable Alzheimer's Dementia — Secondary Analysis of an RCT (keine Wirkung auf Hämostase; keine pharmakodynamische WW mit Warfarin/ASS; CYP3A4-Kontext bei Warfarin-R-Enantiomer). PMC8701823. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8701823/
[941] (StatPearls), [942] (PubMed), [943] und [945] (peer-reviewt) sind autoritativ; [944] ist eine klinische Sekundärquelle. Die Blutungsrisiko-Frage ist bewusst beidseitig (Fallberichte vs. RCTs) dargestellt.
Verwandte Einträge
- Ginkgolide & Flavonglykoside (die charakteristischen Wirkstoffe — ausführliche Wirkung dort)
- Bacopa monnieri (Brahmi) (anderes pflanzliches Nootropikum)
- Igelstachelbart (Heilpilz mit neurotropher Wirkung)
- Danshen (Salvia miltiorrhiza) (TCM-Herzpflanze; ebenfalls Blutungs-/Warfarin-Bezug)
- Bioflavonoide (übergeordnete Flavonoid-Klasse)
Speicherort (Wiki.js)
Pfad: /organismen/pflanzen/ginkgo
Titel: Ginkgo biloba
Dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung.