Schöllkraut
Belegstatus: klinischer Nutzen nicht belegt · ⚠ Sicherheitskritisch: dokumentierte Lebertoxizität (HILI, LiverTox-Score B); Nutzen-Risiko-Bilanz negativ
Typ: Pflanze
⚠️ VOR VERÖFFENTLICHUNG FACHLICH GEGENLESEN (Hepatologie/Pharmazie). Dieser Eintrag betrifft eine Pflanze mit belegter Lebertoxizität und regulatorischer Beschränkung. Er ist bewusst warnend gehalten.
⚠️ Kernwarnung: Oral eingenommenes Schöllkraut wurde mehrfach mit akuten Leberschäden (herb-induced liver injury, HILI) in Verbindung gebracht. Eine Übersicht bewertet die Nutzen-Risiko-Bilanz als negativ. Bei erneuter Einnahme nach einem Leberereignis (Rechallenge) drohen Rückfälle — zu vermeiden.
Steckbrief (Organismus)
| Feld | Angabe |
|---|---|
| Trivialnamen / Synonyme | Schöllkraut, Warzenkraut, Goldwurz; Greater Celandine |
| Wissenschaftlicher Name | Chelidonium majus L. |
| Systematik | Familie Mohngewächse (Papaveraceae) |
| Natürliche Verbreitung | Europa, Asien, eingebürgert in Nordamerika [486] |
| Verwendete Teile | Kraut (oberirdische Teile), Milchsaft (äußerlich), Wurzel |
| Handelsformen | Tee, Tinktur, Extrakt/Kapseln, Frischpflanzensaft |
Botanik / Mykologie & Herkunft
Chelidonium majus ist eine krautige Pflanze aus der Familie der Mohngewächse mit gelben Blüten und einem charakteristischen gelb-orangen Milchsaft [486][487]. In Europa, Asien und (eingebürgert) Nordamerika verbreitet. In der Volks- und traditionellen chinesischen Medizin (bai-qu-cai) sowie in der Homöopathie seit Langem verwendet — v. a. bei Magen-Darm-/Gallenbeschwerden und (äußerlich, Milchsaft) bei Warzen [486][488].
Enthaltene Wirkstoffe
Das Kraut enthält über 20 bioaktive Isochinolin-Alkaloide (Benzophenanthridine, Protoberberine), u. a. Chelidonin, Sanguinarin, Chelerythrin, Coptisin, Berberin [486][487].
| Wirkstoff(gruppe) | Klasse | Kurz: Rolle | Seite |
|---|---|---|---|
| Chelidonin | Benzophenanthridin-Alkaloid | spasmolytisch/mild sedierend (Hauptalkaloid) | Chelidonin |
| Sanguinarin, Chelerythrin | Benzophenanthridin-Alkaloide | antimikrobiell; toxikologisch relevant | — |
| Coptisin, Berberin | Protoberberin-Alkaloide | Begleitalkaloide | Berberin |
Funktion & Einsatz im menschlichen Körper
Schöllkraut ist kein Nährstoff. Traditionell zugeschrieben werden krampflösende (spasmolytische), gallenflussfördernde (choleretische), entzündungshemmende und mild sedierende Effekte [486][487]. Ein klinisch belegter Nutzen für die beworbenen Anwendungen fehlt jedoch [489]. Der Milchsaft wird äußerlich traditionell gegen Warzen verwendet.
Wirkungen auf den Körper
Traditionelle / historische Verwendung
Traditionell bei Magen-Darm-Beschwerden, Dyspepsie, Gallenkoliken und (äußerlich) Warzen verwendet; in der Homöopathie mit Leber-/Gallen-Bezug [486][488]. Reine Verwendungsbeschreibung.
Studienlage
- Wirksamkeit: Für die traditionellen Anwendungen fehlen verlässliche klinische Wirksamkeitsbelege; eine Literaturübersicht kommt zu einer negativen Nutzen-Risiko-Bilanz [489].
- Hepatotoxizität — belegt: Über ein Dutzend Publikationen (überwiegend aus Europa) beschreiben akute Leberschäden durch Schöllkraut; LiverTox vergibt den Likelihood-Score B (seltene, aber wahrscheinliche Ursache klinisch manifester Leberschäden) [486][490].
- Typisch: Latenz 1–6 Monate, Ikterus, mäßig bis stark erhöhte Transaminasen, hepatozelluläres Muster ähnlich einer akuten Virushepatitis [486].
- Meist rasche Erholung nach Absetzen (2–6 Monate); Leberversagen/Transplantation wurde nicht beschrieben, einzelne Fälle jedoch schwer [486][491].
- Rechallenge (erneute Einnahme) löste erneute Schübe aus → zu vermeiden [491][492].
- Eine CIOMS-Kausalitätsanalyse von 22 deutschen Fällen ergab „hochwahrscheinlich/wahrscheinlich" in mehreren Fällen [490][493].
- Mechanismus: idiosynkratische (nicht dosisabhängige) Reaktion vom metabolischen Typ; nicht vorhersehbar [489][490].
Einsatz in Naturheilkunde & Alternativmedizin
⚠️ Nicht wissenschaftlich belegt — bitte zuerst lesen.
Dieser Abschnitt dokumentiert, wie in naturheilkundlicher und alternativmedizinischer
Praxis mit dieser Substanz gearbeitet wird. Er beschreibt eine Praxis, nicht eine
nachgewiesene Wirkung. Die genannten Anwendungen sind überwiegend nicht durch
kontrollierte Studien gestützt und stehen teils im Widerspruch zum Abschnitt
„Studienlage“ — dieser bleibt maßgeblich für die Frage, was belegt ist.
Bei ernsthaften Erkrankungen (z. B. Krebs, Infektionen, chronischen Leiden) ersetzt
keine der hier beschriebenen Anwendungen eine ärztliche Diagnose und Behandlung.
Das Aufschieben einer wirksamen Therapie kann schwerwiegende Folgen haben.
Praxisrichtung(en): Traditionelle europäische Phytotherapie; TCM; Homöopathie
Wird eingesetzt bei: Schöllkraut wird bei Magen-Darm-/Gallenbeschwerden, Dyspepsie, Krämpfen, zur „Leberunterstützung" und (äußerlich, Milchsaft) gegen Warzen eingesetzt [486][488].
Begründung in der Praxis: Begründet über die spasmolytischen/choleretischen Alkaloid-Wirkungen und die lange Tradition. Als Position der Praxis dargestellt — die paradoxe „Leberunterstützung" steht im direkten Widerspruch zur belegten Lebertoxizität.
Übliche Form & Handhabung in der Praxis: Tee, Tinktur, Extrakt/Kapseln (innerlich); Frischpflanzensaft (äußerlich). Innerliche Präparate wurden früher als „sicheres" Magen-Galle-Mittel beworben [486].
Einordnung: Der schärfste Widerspruch im gesamten Wiki: In der Praxis wird Schöllkraut zur „Leberunterstützung" eingesetzt, obwohl es eine belegte Ursache von Leberschäden ist [486][490]. Ein klinischer Nutzen ist nicht belegt; die Nutzen-Risiko-Bilanz gilt als negativ [489]. Von der innerlichen Anwendung ist abzuraten; bei bereits laufender Einnahme und Leberbeschwerden (Ikterus, dunkler Urin, Müdigkeit) sofort absetzen und ärztlich abklären.
Quelle der Praxisbeschreibung: [486][488]
Belegt wird hier die Existenz der Praxis, nicht ihre Wirksamkeit.
Praktische Hinweise
Zubereitung & Anwendungsformen
Innerlich (Tee/Tinktur/Extrakt) — wegen der Lebertoxizität nicht empfohlen. Äußerlich wird der Milchsaft traditionell gegen Warzen verwendet [486]. Reines Kraut/Milchsaft ist alkaloidreich.
Handhabung & Lagerung
Trocken/lichtgeschützt; Milchsaft kann Haut/Schleimhäute reizen. Für Kinder unzugänglich aufbewahren.
Wer sollte vorsichtig sein
- Alle bei innerlicher Anwendung: Risiko von Leberschäden — von der oralen Einnahme wird abgeraten [486][489].
- Lebererkrankung / erhöhte Leberwerte: meiden.
- Rechallenge nach früherem Leberereignis: nicht wieder einnehmen [491][492].
- Schwangerschaft/Stillzeit, Kinder: meiden (alkaloidreich, Datenlage unzureichend).
- Mehrfachmedikation: ärztlich abklären.
Dosierung
Keine sichere innerliche Dosierung anzugeben — wegen der idiosynkratischen (dosisunabhängigen) Lebertoxizität wird von der oralen Anwendung abgeraten [489][490].
Risiken, Neben- & Wechselwirkungen
Lebertoxizität (zentrales Risiko): dokumentierte, teils schwere akute Leberschäden (hepatozellulär, 1–6 Monate Latenz), meist reversibel nach Absetzen; Rechallenge löst Rückfälle aus [486][490][491]. Warnzeichen zum sofortigen Absetzen: Gelbsucht, dunkler Urin, ungewöhnliche Müdigkeit, Übelkeit, Oberbauchschmerz. Weitere: Magen-Darm-Beschwerden; Milchsaft haut-/schleimhautreizend. Wechselwirkungen: wegen möglicher additiver Leberbelastung Vorsicht mit anderen lebertoxischen Substanzen; Alkaloide (u. a. Berberin-Typ) legen CYP-Interaktionen nahe. [Zu prüfen: konkrete CYP-vermittelte Interaktionen.]
Rechtlicher Status
Wegen der Lebertoxizität ist Schöllkraut in der EU regulatorisch beschränkt: In Deutschland wurden die zulässigen Tagesdosen von Chelidonium-Alkaloiden stark begrenzt bzw. entsprechende Arzneimittel vom Markt genommen; die EMA/HMPC-Bewertung adressiert das HILI-Risiko.
[Zu belegen: exakte EMA/HMPC-Monographie und BfArM-Stufenplanbescheid (Dosisgrenze Chelidonin-Alkaloide) mit amtlicher Primärquelle; Status in AT/CH.]
Zusammenfassung
Schöllkraut (Chelidonium majus) enthält zahlreiche Isochinolin-Alkaloide (u. a. Chelidonin, Sanguinarin) [486][487]. Traditionell bei Magen-Galle-Beschwerden und (äußerlich) Warzen verwendet, ist ein klinischer Nutzen nicht belegt [489]. Entscheidend ist die belegte Lebertoxizität: mehr als ein Dutzend Fallberichte akuter Leberschäden (LiverTox-Score B), hepatozelluläres Muster, Latenz 1–6 Monate, meist reversibel, aber Rechallenge-Rückfälle — die Nutzen-Risiko-Bilanz gilt als negativ [486][489][490]. Von der innerlichen Anwendung ist abzuraten; die Substanz ist regulatorisch beschränkt. Vor Veröffentlichung hepatologisch/pharmazeutisch gegenlesen.
Quellen
[486] Greater Celandine — LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. NCBI Bookshelf NBK548684 (Alkaloide, Hepatotoxizität, Likelihood-Score B, Muster/Latenz, Rechallenge). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK548684/
[487] A Yellow Flower With Jaundice Power: Liver Injury Attributed to Greater Celandine — >20 Isochinolin-Alkaloide, Fallbericht. PMC11049761. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11049761/
[488] Greater Celandine — traditionelle/homöopathische Nutzung bei GI-/Gallenbeschwerden (Kontext; wie [486]/[487]). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11049761/
[489] Hepatotoxicity induced by greater celandine — Review (negative Nutzen-Risiko-Bilanz, idiosynkratischer HILI). European Review 2017 / PubMed 28379595. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28379595/
[490] Teschke R, et al. Herbal hepatotoxicity by Greater Celandine — CIOMS-Kausalität von 22 Fällen (Deutschland). ScienceDirect 2011. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0273230011001656
[491] Benninger J, et al. Acute hepatitis induced by greater celandine — 10 Fälle, Cholestase, Erholung nach Absetzen, Rechallenge-Schub. Gastroenterology 1999. https://www.gastrojournal.org/article/S0016-5085(99)70410-5/fulltext
[492] Greater Celandine — Rechallenge/Reexposition zu vermeiden (LiverTox; wie [486]). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK548684/
[493] Chelidonium — Overview: CIOMS-Neubewertung 22 Fälle (hochwahrscheinlich/wahrscheinlich), hepatozellulär. ScienceDirect Topics. https://www.sciencedirect.com/topics/agricultural-and-biological-sciences/chelidonium
Hinweis: [486]/[492] (LiverTox) autoritativ; [487]–[491], [493] peer-reviewt.
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