Chelidonin

1. Januar 2026

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Belegstatus: Hauptalkaloid des Schöllkrauts (spasmolytisch/mild sedierend — traditionell, nicht durch RCTs belegt) · entscheidend: Schöllkraut-Extrakte sind eine belegte Ursache idiosynkratischer Leberschäden (HILI); der Nutzen ist gering — das Nutzen-Risiko-Verhältnis gilt als negativ
Gruppe (Heimat): Sekundäre Pflanzen- & Pilzstoffe

⚠️ Sicherheitskritischer Stoff. Diese Seite ordnet ein einzelnes Alkaloid im Kontext seiner
Ursprungspflanze
ein, deren Extrakte klinisch relevante Leberschäden verursacht haben.


Steckbrief

Feld Angabe
Synonyme / Trivialnamen Chelidonin; Hauptalkaloid des Schöllkrauts (Chelidonium majus)
Wissenschaftl. Bezeichnung Chelidonin (Benzophenanthridin-Isochinolin-Alkaloid)
Substanzklasse Benzophenanthridin-Alkaloid (Papaveraceae-Alkaloide)
Natürliches Vorkommen Schöllkraut (Chelidonium majus, Mohngewächse/Papaveraceae); Europa/Asien, in USA eingeführt [779]
Verwendeter Teil Isoliertes Alkaloid; im gelben Milchsaft/Kraut der Pflanze

Herkunft & Gewinnung

Chelidonin ist das namensgebende Hauptalkaloid des Schöllkrauts (Chelidonium majus, Mohngewächse) [779][780]. Blattextrakte können bis zu ~20 Alkaloide enthalten — überwiegend Benzophenanthridine und Protoberberine (u. a. Sanguinarin, Chelerythrin, Coptisin, Protopin, Berberin) neben Chelidonin [779]. Für die pharmakologische Zuordnung ist wichtig: Chelidonin gilt als Träger der spasmolytischen (krampflösenden) Wirkung, während die Lebertoxizität eher dem Gesamtextrakt bzw. anderen Alkaloiden (Sanguinarin, Chelerythrin, Coptisin) zugeschrieben wird [776][780].

Wirkstoffe & Chemie

Chelidonin ist ein Benzophenanthridin-Alkaloid vom Isochinolin-Typ. In Zellstudien zeigt es u. a. antiproliferative/proapoptotische Effekte (z. B. Herunterregulation von hTERT in HepG2-Zellen) — ein Hinweis auf zytotoxisches Potenzial, das in der „Antikrebs"-Vermarktung als erwünscht dargestellt wird, toxikologisch aber ambivalent ist [780]. Die Alkaloide sind bereits in niedrigen mikromolaren Konzentrationen aktiv [780].

Funktion und Einsatz im menschlichen Körper

Chelidonin ist kein Nährstoff. Die traditionell genutzte Eigenschaft ist die krampflösende Wirkung an den Gallenwegen und im oberen Verdauungstrakt — Grundlage der (früher zugelassenen) Schöllkraut-Anwendung bei krampfartigen Oberbauch-/Gallenbeschwerden [777][779]. Der für die Spasmolyse verantwortliche Wirkstoff ist jedoch nicht eindeutig geklärt [779].

Wirkungen auf den Körper

Traditionelle / historische Verwendung

Schöllkraut wird seit Jahrhunderten in TCM und europäischer Phytotherapie bei Magen-Darm-Beschwerden, Dyspepsie und Gallenleiden verwendet, zudem bei Warzen (gelber Milchsaft) [779]. Reine Verwendungsbeschreibung.

Studienlage

Der Kern dieser Seite: geringer belegter Nutzen, belegtes Leberrisiko.

  1. Wirksamkeit: Für die beworbenen Effekte (Dyspepsie, Gallenbeschwerden, Haut, Asthma, „Gewichtsverlust", „Antitumor") fehlen aussagekräftige Humanstudien; die orale Anwendung als Spasmolytikum war früher über die deutsche Kommission E monografisch gestützt, ist aber nicht durch moderne RCTs belegt [779][777].
  2. Lebertoxizität — belegt: Über ein Dutzend Publikationen (v. a. aus Europa) beschreiben klinisch manifeste akute Leberschäden durch Schöllkraut; die Schädigung tritt typischerweise nach 1–6 Monaten auf, mit Ikterus und deutlich erhöhten Transaminasen, meist hepatozellulär und klinisch einer akuten Virushepatitis ähnelnd [779].
  3. Kausalität: In einer Auswertung von 22 deutschen Spontanmeldungen (BfArM) wurde mit der leberspezifischen CIOMS/RUCAM-Skala ein Zusammenhang als hochwahrscheinlich (n=2), wahrscheinlich (n=6) und möglich (n=10) bewertet [778]. Es handelt sich um eine idiosynkratische (metabolische) Reaktion bei disponierten Personen [776][777].
  4. Nutzen-Risiko: Eine Literaturübersicht bewertet das Nutzen-Risiko-Verhältnis schöllkrauthaltiger Produkte als negativ — geringer belegter Nutzen bei realem Leberrisiko [777].

Einsatz in Naturheilkunde & Alternativmedizin

⚠️ Nicht wissenschaftlich belegt — bitte zuerst lesen.
Dieser Abschnitt dokumentiert, wie in der Praxis mit Schöllkraut/Chelidonin gearbeitet wird.
Er beschreibt eine Praxis, nicht eine nachgewiesene Wirkung, und steht im Widerspruch zum
belegten Leberrisiko.
Bei ernsthaften Erkrankungen (z. B. Krebs, Lebererkrankungen) ersetzt keine dieser Anwendungen
eine ärztliche Diagnose und Behandlung.

Praxisrichtung(en): TCM; europäische Phytotherapie; alternative „Antikrebs"-Szene (Ukrain-Derivat)

Wird eingesetzt bei: Schöllkraut-/Chelidonin-Zubereitungen werden bei Verdauungs-/Gallenbeschwerden, Warzen (äußerlich), Asthma/Bronchitis und — als semisynthetisches Derivat „Ukrain" — im alternativen Krebskontext eingesetzt [779][780].

Begründung in der Praxis: Über die krampflösende Alkaloidwirkung und die in vitro beobachtete Zytotoxizität/Proapoptose (Ukrain). Als Position der Praxis wiedergegeben — Humanbelege fehlen.

Übliche Form & Handhabung in der Praxis: Kraut-Extrakte (Kapseln/Tinktur), früher standardisiert auf Gesamtalkaloide (Tagesdosen 12–30 mg Gesamtalkaloide in der ehemaligen Zulassung) [778]; frischer Milchsaft äußerlich bei Warzen.

Einordnung: Wichtige Differenzierung: Die spasmolytische Anwendung hat eine traditionelle, aber keine moderne Evidenzbasis; die „Antitumor"-Claims (auch Ukrain) sind nicht durch belastbare Humanstudien gestützt. Dem steht ein belegtes, wenn auch idiosynkratisches Leberrisiko gegenüber. Für orale schöllkrauthaltige Produkte gilt das Nutzen-Risiko-Verhältnis als negativ [777] — von der Selbstanwendung ist abzuraten.

Quelle der Praxisbeschreibung: [779][780]

Belegt wird hier die Existenz der Praxis, nicht ihre Wirksamkeit.

Praktische Hinweise

Zubereitung & Anwendungsformen

Kraut-Extrakte (Kapsel/Tinktur), Tee; äußerlich der frische Milchsaft (Warzen). Wegen des Leberrisikos ist die orale Anwendung kritisch zu sehen [777][779].

Handhabung & Lagerung

Trocken und lichtgeschützt lagern; Milchsaft reizt Haut/Schleimhäute.

Wer sollte vorsichtig sein

Empfohlene Dosierung

Keine empfehlenswerte Zufuhr für die orale Selbstanwendung. Historische Zulassung: 12–30 mg Gesamtalkaloide/Tag als Spasmolytikum [778] — angesichts des Leberrisikos heute kritisch bewertet.

Risiken, Neben- & Wechselwirkungen

Zentrales Risiko: idiosynkratische Hepatotoxizität (HILI). Schöllkraut-Extrakte verursachen belegt akute, meist hepatozelluläre Leberschäden (Latenz 1–6 Monate; ikterisch; einer Virushepatitis ähnelnd), mit teils nachweisbaren Autoantikörpern; die Reaktion ist idiosynkratisch und betrifft disponierte Personen [778][779]. Chelidonin selbst ist v. a. das spasmolytische Leitalkaloid; als stärker zytotoxisch/hepatotoxisch gelten Sanguinarin, Chelerythrin und Coptisin des Gesamtextrakts [776][780]. Nach Absetzen bilden sich die Schäden meist zurück, schwere Verläufe sind jedoch beschrieben.

Rechtlicher Status

Schöllkraut war in Deutschland als traditionelles pflanzliches Arzneimittel (Spasmolytikum) monografisch geführt; wegen der Hepatotoxizität wurden Anwendungsbeschränkungen bzur Tagesdosis relevant. Chelidonin als Reinstoff ist kein zugelassenes Arzneimittel. [Zu belegen: aktueller regulatorischer Status/Höchstmengen für Schöllkraut-Produkte in DE/AT/CH mit amtlicher Quelle (BfArM).]

Zusammenfassung

Chelidonin ist das Hauptalkaloid des Schöllkrauts (Chelidonium majus) und Träger seiner traditionell genutzten krampflösenden Wirkung [779]. Der belegte Nutzen ist gering (keine modernen RCTs), während Schöllkraut-Extrakte eine belegte Ursache idiosynkratischer, teils schwerer Leberschäden sind (Latenz 1–6 Monate, hepatozellulär) [778][779]. Für die Lebertoxizität werden eher die Begleitalkaloide (Sanguinarin, Chelerythrin, Coptisin) verantwortlich gemacht, doch der Extrakt als Ganzes trägt das Risiko [776][780]. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis oraler schöllkrauthaltiger Produkte gilt als negativ [777] — von der Selbstanwendung ist abzuraten; „Antitumor"-Claims (auch „Ukrain") sind nicht human belegt.

Quellen

[776] Herbal hepatotoxicity by Greater Celandine (Chelidonium majus): Causality assessment of 22 spontaneous reports (CIOMS/RUCAM; idiosynkratische HILI; Hauptzytotoxine Sanguinarin/Coptisin/Chelerythrin). Regul Toxicol Pharmacol 2011. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0273230011001656
[777] Hepatotoxicity induced by greater celandine (Chelidonium majus L.): a review of the literature (HILI, idiosynkratisch; Nutzen-Risiko negativ). Eur Rev Med Pharmacol Sci 2017. PMID 28379595. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28379595/
[778] Teschke R, et al. Herbal hepatotoxicity by Greater Celandine — 22 BfArM-Fälle mit CIOMS-Kausalität (hochwahrscheinlich n=2, wahrscheinlich n=6, möglich n=10; ehem. Zulassung 12–30 mg Gesamtalkaloide/Tag). Regul Toxicol Pharmacol 2011. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0273230011001656
[779] Greater Celandine. LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. NIDDK, NCBI Bookshelf NBK548684 (bis zu 20 Alkaloide; Latenz 1–6 Monate; hepatozellulär; keine Wirksamkeitsbelege). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK548684/
[780] Hepatitis from Greater celandine (Chelidonium majus L.): review and new case (Chelidonin/hTERT-HepG2; Ukrain-Derivat; Alkaloide aktiv im niedrigen µM-Bereich). Phytomedicine/J Ethnopharmacol 2009. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0378874109002517

[779] (LiverTox/NIDDK) ist autoritativ; [776]–[778] sind peer-reviewt (RUCAM-Kausalitätsanalysen). [780] liefert die zellbiologischen/Ukrain-Bezüge.

Verwandte Substanzen

Vorkommen in Organismen

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